Es gibt Texte, die man Jahre später wieder liest und sich fragt:
Warum habe ich das damals eigentlich geschrieben?
Und dann gibt es Texte, bei denen man merkt:
Die Frage ist noch immer da. Nur mein Blick darauf hat sich verändert.
Diesen Beitrag habe ich vor einiger Zeit geschrieben. Damals hat mich vor allem eines beschäftigt: Warum ist die Ausbildung im Friseurhandwerk vielerorts noch so stark von dem geprägt, was seit Jahrzehnten gelehrt wird?
Heute würde ich die Frage anders stellen. Nicht mehr nur: Was läuft falsch?
Sondern: Was wäre möglich, wenn wir unseren jungen FriseurInnen von Anfang an mehr Wege zeigen würden?
Ich kenne die klassische Ausbildung aus eigener Erfahrung
Ich habe mit 15 Jahren meine Friseurlehre begonnen.
In der Berufsschule lernte ich das Handwerk so kennen, wie es damals üblich war: klassische Schnitttechniken, Dauerwelle, Färben, Blondieren, Frisurengestaltung, ein wenig Kosmetik, Maniküre, Produktkunde, Perücken knüpfen und vieles mehr.
Vieles davon war wichtig und hat mir eine handwerkliche Grundlage gegeben. Was mir heute jedoch fehlt, wenn ich zurückblicke, sind andere Dinge:
- Wie führe ich ein wirklich gutes Beratungsgespräch?
- Wie erkenne ich, was Haar und Kopfhaut tatsächlich brauchen?
- Wie wirken die Produkte, mit denen ich täglich arbeite?
- Welche Inhaltsstoffe verwende ich – und warum?
- Wie kann ich KundInnen ganzheitlich begleiten?
- Wie entwickle ich meine eigene Kreativität und Persönlichkeit als FriseurIn?
- Und vor allem: Welche unterschiedlichen Wege gibt es überhaupt, diesen wunderbaren Beruf auszuüben?
Damals gab es für mich darauf tatsächlich kaum Antworten.
Dann kam ein anderer Weg in mein Leben
Mitte der 1990er-Jahre begegnete mir durch meine Freundin und Arbeitgeberin Maria Vogt eine andere Vorstellung von Friseurhandwerk.
Eine Arbeitsweise, bei der die Gesundheit von Haar und Kopfhaut eine viel größere Rolle spielte.
Susanne Lins
Eine andere Produktphilosophie.
Andere Beratung.
Andere Berührungen.
Andere Rituale.
Und schließlich auch eine andere Haltung zum Menschen, der vor mir im Friseurstuhl sitzt.
Als ich später selbst als Naturfriseurin arbeitete, begann ich zu verstehen, wie viel Veränderung eigentlich möglich ist, wenn man bereit ist, das Bekannte zu hinterfragen.
Wir nahmen die chemischen Produkte aus dem Salon und bauten unsere Arbeit neu auf.
Wir lernten Pflanzenhaarfarben kennen und mussten den Farbkreis plötzlich anders denken. Wir experimentierten mit Mischungen. Wir entwickelten neue Auftrage-Techniken.
Wir beschäftigten uns intensiver mit Beratung. Wir übten Bürstenstriche und Kopfmassagen. Wir arbeiteten mit Düften.
Wir veränderten unsere Räume. Und wir veränderten dadurch auch uns selbst.
Plötzlich war Friseurarbeit nicht mehr nur das Erbringen einer Dienstleistung.
Sie wurde zu einer Form von Begleitung
Und genau hier beginnt für mich heute die eigentliche Frage:
Was wäre, wenn junge Menschen schon während ihrer Ausbildung erfahren würden, dass Friseurhandwerk mehr sein kann?
Nicht als Ersatz für das klassische Handwerk – sondern als Erweiterung.
- Was wäre, wenn ein Lehrling neben den klassischen chemischen Verfahren auch Pflanzenhaarfarben kennenlernen würde?
- Wenn er oder sie verstehen würde, welche Möglichkeiten natürliche Produkte bieten – und wo ihre Grenzen liegen?
- Wenn Beratung nicht nur ein kurzer Teil des Verkaufsgesprächs wäre, sondern eine echte Kompetenz?
- Wenn Kopfhaut, Haarqualität, Berührung, Wahrnehmung und ganzheitliches Arbeiten einen selbstverständlichen Platz in der Ausbildung hätten?
- Wenn junge Menschen nicht erst nach ihrer Lehrabschlussprüfung zufällig entdecken müssten, dass es auch einen anderen Weg gibt?
Ich wünsche mir keine neue Ideologie
Heute möchte ich gar nicht mehr sagen: „Das Alte ist schlecht und das Neue ist gut.“ So einfach ist es nicht. Auch die klassische Friseurausbildung hat ihren Wert. Sie vermittelt Techniken, Wissen und handwerkliche Fähigkeiten, die ihren Platz haben.
Aber ich glaube, dass wir jungen Menschen mehr Möglichkeiten zeigen dürfen. Denn wer nur einen Weg kennt, kann nicht bewusst wählen. Wer mehrere Wege kennenlernt, kann entscheiden:
Was passt zu mir?
Vielleicht möchte jemand klassisch arbeiten. Vielleicht begeistert sich jemand für Farbe und kreative Techniken.
Vielleicht entdeckt jemand seine Leidenschaft für Beratung. Vielleicht liegt die eigene Stärke in Kopfhautgesundheit, Massage und ganzheitlicher Begleitung.
Vielleicht entsteht daraus ein Naturfriseursalon. Vielleicht eine ganz andere Form des Friseurberufs, die wir heute noch gar nicht kennen.
Vom Wissen zur eigenen Haltung
Genau deshalb sehe ich meine Aufgabe heute auch anders als früher. Ich möchte nicht einfach sagen:
„Macht es so wie wir NaturfriseurInnen.“
Ich möchte Menschen begleiten, die neugierig sind. Ich möchte Wissen zugänglich machen.
Ich möchte Türen öffnen. Zusammenhänge sichtbar machen. Erfahrungen weitergeben.
Und Menschen ermutigen, ihren eigenen Weg zu finden.
Als Begleiterin und Wegbereiterin möchte ich nicht vorgeben, welcher Weg der richtige ist.
Ich möchte helfen, dass mehr Menschen überhaupt die Möglichkeit bekommen, ihren Weg zu erkennen.
Vielleicht beginnt Veränderung nämlich gar nicht damit, dass wir eine ganze Ausbildung auf den Kopf stellen.
- Vielleicht beginnt sie viel kleiner:
- Mit einem neuen Gedanken.
- Mit einer zusätzlichen Perspektive.
- Mit einer Lehrperson, die bereit ist, etwas Neues auszuprobieren.
- Mit einem Lehrling, der plötzlich merkt:
- „Ah – so kann Friseur auch sein.“
Und vielleicht ist genau das der erste Schritt zu einer Ausbildung, die nicht nur Wissen vermittelt, sondern Möglichkeiten eröffnet. Denn ich glaube heute mehr denn je:
Die Zukunft des Friseurhandwerks beginnt dort, wo wir jungen Menschen mehr als einen Weg zeigen.
Ich zeige nicht den einen richtigen Weg.
Ich mache Wege sichtbar.
hairzlich Susanne







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